Für den Westen kam der Zusammenbruch der DDR und des Ostblocks absolut überraschend. Man glaubte, die Deutsche Einheit sei nur im Rahmen einer neuen europäischen Friedensordnung zu regeln. Die Wiedervereinigung als Produkt der friedlichen Revolution war zudem nicht zwangsläufig und von Protagonisten nicht beabsichtigt. Bei den Demonstrationen im Oktober 1989 forderten die Teilnehmer zunächst die Reformierung des Staats. Erstmals kann der Sprechchor "Deutschland einig Vaterland!" am 13. November 1989 in Leipzig nachgewiesen werden. Vereinzelt und punktuell tauchte die Forderung nach Wiedervereinigung bereits im Oktober 1989 auf.


Erst die Maueröffnung am 9. November hat zu einem Paradigmenwechsel geführt. Auf den fortgesetzten Massenkundgebungen wurde die Forderung nach Wiedervereinigung zentraler Bestandteil. Nunmehr forderten die Demonstranten "Wir sind ein Volk". Auf diese Weise stand plötzlich die Wiedervereinigung auf der politischen Tagesordnung sowohl in Ost- und Westdeutschland als auch im internationalen Kontext. Ende November 1989 entstand eine Kluft zwischen der DDR-Bevölkerung, die die Deutsche Einheit präferierte, und Intellektuellen bzw. Mitgliedern der Bürgerrechtsbewegung, die mehrheitlich die Reform der DDR forderten.


Bundeskanzler Kohl bekräftigte am 28. November in einem Zehn-Punkte-Programm den Willen der Bundesrepublik zur "Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas". Die Wiedervereinigung sollte über mehrere Stufen erfolgen, die Entscheidung sollte bei der ostdeutschen Bevölkerung liegen. Spätestens nach dem deutsch-deutschen Regierungstreffen in Dresden am 19. und 20. Dezember 1989, waren die innenpolitischen Kritiker der Einheit durch den tausendfachen Ruf "Deutschland, einig Vaterland" übertönt. Fortan forcierte Kohl, beeindruckt von den Dresdner Erlebnissen, den deutschen Einigungsprozess aktiv.

 

Konföderation beider deutscher Staaten?

Außenpolitisch war vor allem die Rolle Moskaus von großer Bedeutung. Noch immer waren eine große Anzahl von Kernwaffen und rund 500.000 sowjetische Soldaten in der DDR stationiert. Die Sowjetunion beharrte öffentlich, am Status quo nichts zu ändern. Intern führte man bereits Verhandlungen mit Ostberlin und Bonn. Als Ziel favorisierte man eine Konföderation beider deutscher Staaten, die nach fünf bis zehn Jahren zur Vereinigung führen sollte. Nicht nur die Sowjetunion sondern auch die Siegermächte Großbritannien und Frankreich standen einer Wiedervereinigung skeptisch gegenüber. Nur die USA sicherte durch George Bush Bundeskanzler Kohl völlige Rückendeckung bei der Vereinigung zu.


Ab Januar 1990 setzte selbst in Moskau ein Umdenken ein. Man erkannte, dass die Wiedervereinigung unvermeidbar war. Der Kreml versuchte, durch die Idee einer sechser Konferenz (der vier Siegermächte des 2. Weltkriegs plus der beiden deutschen Staaten), die Kontrolle über den Prozess zu behalten. Die Sowjets erhofften sich vor allem die Unterstützung der skeptisch eingestellten Briten und Franzosen, die Vorbehalte gegen eine Wiedervereinigung hatten. Sie fürchteten, das vereinigte Deutschland könnte die europäische Integration dominieren. Am 10. Februar 1990 gab die Sowjetunion Kohl und Außerminister Genscher ihr Einverständnis zur Wiedervereinigung. Im Gegenzug wurde der wirtschaftlich angeschlagenen Sowjetunion in großem Umfang Wirtschaftshilfe zugesagt.