Ein Reisebericht von Henry Krause

Vergleichbar ist diese Episode mit dem Streit um das Kopftuch bei den Frauen, das seit der Revolution wieder öffentlich getragen werden kann. Während Europäer gewöhnt sind, dies als ein Zeichen für die Diskriminierung der Frauen zu verstehen, treffen wir viele junge Frauen, die das Tragen eines Kopftuches als eigene Entscheidung und Zeichen der Freiheit beschreiben. Wir werden Zeugen, wie umstritten das auch in Tunesien ist. Hassine Boussetta, ein tunesisches Mitglied des Kulturkreises, fällt Naim ins Wort. Die Verschleierung – und damit meint er auch das Kopftuch – sei ein Hindernis auf den Weg Tunesiens in die Moderne. Was soll das? Das käme doch aus Asien und habe nichts mit Tunesien zu tun. Naim verweist darauf, dass Kopftücher und den ganzen Körper bedeckende Gewänder zur Tradition der Berber gehörten. Auf dem Tisch liegt ein aus rotem Garn gewebtes Tuch. Dies trügen die Bräute bei der Hochzeit. Sie wickelten darin ihren gesamten Körper. Solle das verboten werden?

Die modernste Verfassung der arabischen Welt

Die beiden bleiben uneins, ein Kompromiss scheint nicht möglich. Die Situation erzählt etwas über die Lage Tunesiens wie der gesamten islamischen Welt. Welche Rolle soll die Religion, welche die Traditionen in einer modernen Gesellschaft spielen? Das Verhältnis zwischen Islam und Demokratie ist noch ungeklärt und in manchen Ländern der Arabellion lastet dies wie eine Hypothek auf einer friedlichen Entwicklung zur Demokratie. Tunesien ist mit der Verabschiedung seiner Verfassung der Demokratie ein Stück näher gekommen. Bei unserem Besuch vor einem Jahr verbanden sich viele Hoffnungen mit diesem Text. Nun wurde diese „modernste“ Verfassung eines arabischen Staates mit 200 von 216 Stimmen von der verfassungsgebenden Versammlung verabschiedet. Hintergrund für die plötzliche Einigung sind der Druck internationaler Geldgeber aber auch der Zivilgesellschaft, wie uns Prof. Mohamed Haddad vom Arabischen Observatorium der Religionen und Freiheiten erklärt. Es gab fünf sehr unterschiedliche Verfassungsentwürfe, nun habe sich ein Kompromiss durchgesetzt, mit dem alle leben könnten. Dabei habe die Angst vor einer Situation wie in Ägypten geholfen. Auch die islamistische Ennahda sei moderater geworden. Nach Artikel 6 ist der Staat zwar der Hüter der Religion; er garantiert aber auch Religions- und Gewissensfreiheit; religiöse Stätten dürfen nicht für Propaganda genutzt werden. Die Bezichtigung der Apostasie ist verboten.

 

Die politischen Parteien

Unübersichtlich ist nach wie vor das Parteiensystem in Tunesien. Die meisten Gesprächspartner gehen davon aus, dass die Ennahda bei den bevorstehenden Wahlen an Bedeutung verlieren wird. Eine aussichtsreiche, wenn nicht die wichtigste Partei ist Nidaa Tounes („Der Ruf Tunesiens“), meint der nächste Referent, Prof. Ridha Chennoufi. Das ist auch die Partei, die gegenwärtig von der Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützt wird, bei der wir an diesem Tag zu Gast sind. Sie ist eher eine Sammlungsbewegung, möglicherweise auch von alten Kadern des Ben Ali-Regimes, wie einige Gesprächspartner im Süden des Landes anmerken. Die Berichterstattung über die Ennahda sei einseitig. Es entstünde ein falsches Bild von dieser Partei in Europa, erklärt uns einer der Dozenten am Spracheninstitut der Universität Gabès zwei Tage später. Die Partei genösse durchaus weiterhin Unterstützung, vor allem im Süden des Landes. Auch Professor Chennoufi, der Habermas-Spezialist ist, sagte, dass es in der Ennahda viele moderate Kräfte gebe. Gemeinsam hätten die Parteiführer von Nidaa Tounes und Ennahda schließlich auch der Verfassung den Weg geebnet. Problematisch für die weitere Entwicklung sei eher, dass die Parteien in der Bevölkerung generell als eigensüchtig gelten und kein Vertrauen genössen. „Wir müssen jede Minute in Tunesien wachsam bleiben“, schloss Prof. Chennoufi seinen Vortrag.

Die wirtschaftliche Lage

Für die Bürger Tunesiens müsse die Demokratie eine Dividende bringen: Arbeit und Brot, hatte Dr. Hardy Ostry von der Konrad-Adenauer-Stiftung zur Begrüßung gesagt. Deshalb fuhren wir am Montagvormittag zur Deutsch-Tunesischen Industrie- und Handelskammer. Dort gibt uns Carolin Ghorbal einen Überblick über die wirtschaftliche Lage in Tunesien und die wirtschaftlichen Beziehungen zu Deutschland. Immerhin sind 250 deutsche Unternehmen in Tunesien aktiv, von denen sich keines nach der Revolution zurückgezogen habe. Das deutsch-tunesische Handelsvolumen betrage 2,9 Mrd. €. Seit 1995 gibt es ein Assoziierungsabkommen mit der EU, wohin 8 Prozent des tunesischen Außenhandels erfolgt. Gegenwärtig stiegen die Kosten für die Importe, weil die Währung an Wert verliert. Die Standortvorteile Tunesiens sind: die geografische Nähe zu Europa, Steuervorteile für Exportbetriebe und wettbewerbsfähige Produktionskosten. Potential habe Tunesien vor allem in der IT-Branche und im Tourismus, wo allerdings viel investiert werden müsse. Die Ausbildung in den technischen Berufen sei gut; jedoch schlössen die Lehrlinge keinen Vertrag mit einem Unternehmen und sie bekämen auch kein Lehrlingsentgelt. Bei den Hochschulabsolventen betrage die Arbeitslosenquote gegenwärtig 33 Prozent.

Le nouvel homme - Der neue Mensch

Tunesien ist wie die anderen arabischen Staaten ein sehr junges Land. Straßen und Plätze werden von jungen Leuten dominiert, während in den Touristenhotels an den Stränden europäische Rentner überwintern. In den Gesprächen an der Universität Gabès oder im Gymnasium in Houmt Souk stoßen wir auf Optimismus und Skepsis gleichermaßen. Was hat die Revolution gebracht? Die Freiheit. Viel mehr fällt aber den meisten jungen Leuten dazu nicht ein. Immer wieder stößt man auf geradezu naiv anmutende Erwartungen an die neue Verfassung. So erklärte eine Ärztin in einer Behinderteneinrichtung, die wir besuchten, dass man sich von der neuen Verfassung eine Feststelle für eine Psychologin erhoffe. Der Interimsvorsitzende des Stadtrates von Houmt Souk seit der Revolution, Sami Ben Taher, hofft dagegen auf den neuen Menschen. Der Mensch sei die Hauptbaustelle, erklärt er uns bei einem Empfang im Magistrat. „Wir müssen an der Änderung seiner Verhaltensweisen arbeiten.“ Offenbar ist der Archäologe in den letzten Jahren immer wieder an die Grenzen des Machbaren gestoßen. Man versuche, auf kommunaler Ebene Mitbestimmung der Bürger zu organisieren und lade sie in Gremien und Ausschüsse ein. Besonders wichtig sei die Umweltkommission. Eine der wichtigsten kommunalen Zuständigkeiten ist in Tunesien die Abfallbeseitigung und damit hat das Land ein Problem, wie jeder Besucher feststellen muss. Allerdings hat sich die Situation in Houmt Souk seit dem letzten Jahr eindeutig verbessert. Die Müllberge in der Stadt sind verschwunden. Provisorien halten oft länger als gedacht. Ben Taher fungiert nun schon seit drei Jahren als provisorischer Bürgermeister. „Die Gruppe, zu der ich gehöre, ist etwas erschöpft. Wir sind nicht durch die Bürger gewählt worden.“ Für den Herbst freut er sich auf einen Aufenthalt in Berlin; Kommunalwahlen wird es wahrscheinlich 2015 geben.