Als eine der ausschlaggebenden Ursachen für den Ausbruch der Unruhen 2011 wird meist die hohe Arbeitslosigkeit genannt, die vor allem die junge, häufig gut ausgebildete Bevölkerung betrifft. Schon im Vorfeld der Reise bestand deshalb besonderes Interesse daran, die Sichtweise eben dieser jungen Tunesier kennenzulernen und herauszufinden, ob sie ihre Ziele jetzt, drei Jahre nach der Revolution, erfüllt sehen.

2013 als "schwarzes Jahr" der Geschichte Tunesiens

Gleich am ersten Tag in Tunesien sind wir zu Gast im Auslandsbüro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Tunis und hören unter anderem einen Vortrag von Prof. Dr. Mohammed Haddad vom Arabischen Observatorium der Religionen und Freiheiten, der die vergangenen drei Jahre und die aktuelle Lage Tunesiens resümiert. Er bezeichnete das Jahr 2013 als eines der "schwarzen Jahre" des Landes, gab es doch zwei politisch motivierte Attentate auf Oppositionsführer, eine sehr schlechte wirtschaftliche Bilanz (vor allem wegen den durch die teils prekäre Sicherheitslage eingebrochenen Einnahmen aus dem Dienstleistungs- und Tourismussektor) und terroristische Gruppen, die sich an den Grenzen zu Algerien und Libyen versteckt hielten. Vor allem die neue Verfassung gibt Haddad aber Grund zur Hoffnung, da es eine sehr moderne Verfassung sei, die den zivilen Staat als "Hüter der Religionen" in den Mittelpunkt stelle. Aktuell sei vor allem der Dialog zwischen gelebtem Islam und modernem Staat und in diesem Zusammenhang die Stellung der Frau in der Gesellschaft beachtenswert. An dieser Stelle eröffnet sich aus unserer Sicht das erste Konfliktfeld: Wie sind ein ziviler Staat und der weit reichende Anspruch der Religion miteinander vereinbar?

Unzufriedenheit mit der politischen Situation

Nach vielen interessanten Vorträgen gab es dann in den nächsten Tagen mehrmals die Möglichkeit, vor Ort mit den Menschen Kontakt aufzunehmen und Fragen zu stellen. Die erste Möglichkeit zu Gesprächen bot sich am Spracheninstitut in Gabès, einer Oasenstadt an der Mittelmeerküste. Zusammengeführt wurde unsere Gruppe mit Deutsch lernenden Studierenden, die sich in den meisten Fällen bemerkenswert gut in der Fremdsprache verständigen konnten. Nach Überwindung der anfänglichen Schüchternheit kommen wir ins Gespräch mit einer Gruppe von etwa 15 jungen Frauen, die meisten davon tragen Kopftuch. Sie scheinen sehr zurückhaltend und politisch nicht engagiert, stellen aber neugierig Fragen über Deutschland und die Eindrücke über Tunesien. Das Gespräch dreht sich anfänglich um Alltäglichkeiten im Studentenleben, erst später werden unsere Fragen bezüglich der politischen Situation überhaupt zugelassen. Keine der Studentinnen kann persönliche Erfahrungen zu den Protesten von vor drei Jahren weitergeben. Es scheint, als sei Gabès von den Aufständen weitgehend unberührt geblieben. Ihre Meinung zur politischen Situation ist eher schlecht; sie unterstellen Funktionslosigkeit und die Gefahr einer zu großen Freiheit, mit der viele Tunesier nichts anzufangen wissen und die ausgenutzt werden könne. Die Ennahda ist für sie nicht wählbar und es bereite ihnen Sorge, dass die Partei immer noch solch einen großen Rückhalt in Teilen der Bevölkerung habe.

Auch in einer anderen Gruppe wird die negative Einschätzung bestätigt: es gäbe momentan "zu viel" Demokratie, die keine Grenzen aufzeige. Das Vertrauen in die Regierung oder Wahlen ist nur sehr schwach ausgeprägt, was mit teils eklatantem Unwissen über das aktuelle politische Geschehen keine gute Mischung bildet. Die Bilanz nach den Gesprächen in Gabès ist eindeutig: Fast alle Studierenden sind unzufrieden mit der politischen Situation, machen sich keine großen Illusionen über Partizipationsmöglichkeiten und blicken sorgenvoll in eine ungewisse Zukunft.

Die Familie als soziale Stütze

In der Deutsch-Tunesischen Industrie- und Handelskammer in Tunis kommen wir ins Gespräch mit einer Mitarbeiterin. Sie sieht die Arbeitslage gerade der jungen Tunesier noch nicht nennenswert verbessert, von Seiten des Staates gäbe es auch noch keine Programme, die die Senkung der Arbeitslosenquote als Ziel hat. Im Falle der Arbeitslosigkeit gibt es auch keinerlei soziale und finanzielle Sicherung, sondern die Familie dient als Rückhalt und Versorger. Aus deutscher Sicht ist dies kaum vorstellbar. Das Hauptproblem sieht die Handelskammer auch darin, dass Auszubildende während der Berufsausbildung nicht durch einen Vertrag an das Ausbildungsunternehmen, sondern an die Berufsschule gebunden sind und dadurch keine guten Übernahmechancen bestehen, da man sich gegenseitig nicht verpflichtet fühlt.

Beeindruckende Begegnungen an einem Gymnasium auf Djerba 

Einer der unvergesslichsten Momente der gesamten Reise war die Begegnung mit einer jungen Schülerin, Rahma, mit der wir uns am Technischen Gymnasium auf Djerba unterhalten konnten. Sie hatte ein sehr selbstbewusstes, westliches Auftreten und trug kein Kopftuch. Rahma selbst war 2011 bei den Protesten aktiv, wollte unbedingt für ihre Ziele und politischen Rechte kämpfen. Heute ist sie 16 Jahre alt und desillusioniert, spielt mit dem Gedanken ans Auswandern, da sie keine Zukunft für sich im gegenwärtigen sieht. Rahma erzählt vom großen Unmut und der Unsicherheit ihrer Altersgruppe, die partizipieren will, es aber oft nicht darf: Schüler des Technischen Gymnasiums wollten sich mit Schülerräten selbst verwalten und organisieren, durften dies aber nicht. Dennoch versuchen die Schüler mit Graffitis, Clubs und Schülerorganisationen wie "Youth for Change", in der auch Rahma tätig ist, ihrer Meinung Ausdruck zu verleihen. Innerhalb des Gymnasiums sei es für Mädchen im Allgemeinen nicht schwieriger, zu partizipieren, als für Jungen. Trotzdem seien noch Unterschiede zwischen den Geschlechtern vorhanden - Mädchen müssen eine Art Schuluniform tragen, ein unifarbenes Oberteil, während Jungen ihre Kleidung frei wählen können. Erwartungen vs. Möglichkeiten Rahma ist ein beeindruckendes Beispiel für die Jugend Tunesiens, die großes Interesse an politischer Teilhabe hat, aber nicht weiß, wie sie dieses Interesse umsetzen soll bzw. wie sie die Hürden, die ihnen dabei errichtet werden, überwinden kann. Auffallend ist das geringe Vertrauen in politische Parteien oder die Regierung, der vorherrschende Unmut, Unsicherheit und die Angst vor weiteren terroristischen Aktivitäten. Rahma erzählt uns, dass ihr Nachbar von solchen Gruppierungen getötet wurde. Die Lösung erscheint für sie klar: Religionsfreiheit und Toleranz sollten die vorherrschenden Prinzipien in Tunesien sein. Auch sie habe Freunde aller Konfessionen und Freundinnen, die Kopftuch tragen; das Wichtigste sei aber, die Gemeinsamkeit zu sehen - den Menschen. 

Die Bilanz der Gespräche sind eindeutig: Teilweise großes Unwissen ist gepaart mit hohen Erwartungen an das neue System und vor allem auch an die neue Verfassung als Symbol der Veränderung. Die Menschen erhoffen sich von ihr Verbesserungen der persönlichen, aber auch der ökonomischen Situation - dies ist eine Blase, die irgendwann platzen muss.