Der Landessportbund Sachsen (LSB) ist der Interessenvertreter des organisierten Sports im Freistaat Sachsen. Unter seinem Dach sind die Sportvereine, Landesfachverbände, Kreis- und Stadtsportbünde sowie weitere Sportinstitutionen organisiert. Mehr als 675.000 Mitglieder gehen in 4.447 Sportvereinen regelmäßig sportlicher Betätigung nach. DerLandessportbund Sachsen bezeichnet sich deshalb als die größte Bürgerorganisation des Landes.

Herr Dahms, Sie sind hauptamtlicher Generalsekretär des Landessportbundes Sachsen, vorher waren Sie dort ehrenamtlich Vizepräsident Leistungssport. Wie sind Sie zum Ehrenamt gekommen?

Ich bin, seit ich denken kann, Sportler und habe dann irgendwann den Weg im Arbeitsleben zum Sport gefunden. Dort habe ich dann festgestellt, dass ich sehr, sehr viel partizipiert habe von vielen Trainern und Übungsleitern, die mich alle auch ehrenamtlich vorbereitet haben, auch auf den Erfolg. Ich wollte wirklich gern etwas zurückgeben und dann ergab sich die Möglichkeit, das Ganze beim Landessportbund zu machen. Als Vizepräsident Leistungssport war ich dafür zuständig, dass das Ehrenamt in Bezug auf  Training und Wettkampf für den Nachwuchs im Leistungssport koordiniert wird, dass Förderung da ist, dass die Zusammenarbeit mit dem Olympiastützpunkt klappt, dass die gesamten sportlichen Aushängeschilder, die wir im Jugendbereich haben, bis hin zu den erfolgreichen Erwachsenen, auch immer wieder ein Stück weit gefördert und unterstützt werden können.

Vizepräsident klingt nach viel Arbeit. Wie groß war Ihr Pensum?

Am Anfang hieß es, dass ich drei, vier Sitzungen im Jahr haben würde. Das hat sich dann in Wahrheit etwas anders dargestellt. Ich habe das aber gern gemacht. Für mich war das eine Herzensangelegenheit, diese Termine auch außerhalb des Sports wahrzunehmen. Wir sind die größte Bürgerorganisation, es gibt so viele Ehrenamtliche und ich finde es extrem wichtig, dass wir diese Ehrenamtlichen auch immer wieder in den Vordergrund stellen. Gerade jetzt, in Krisenzeiten, ist es wichtig, dass wir das Engagement  im Sport, aber auch in anderen Bereichen haben, in der Jugendhilfe zum Beispiel, weil genau dieses ehrenamtliche Engagement immer als zweites Standbein gesehen werden muss. Ehrenamt brauchen wir, und wir müssen es auch immer wieder in den Fokus rücken.

Gibt es einen Unterschied zwischen dem Engagement noch vor zehn, zwanzig Jahren und heutzutage?

Ähnlichkeiten existieren. Viele Ältere tummeln sich noch in dem ehrenamtlichen Bereich und die Nachwuchsgewinnung gestaltet sich schwieriger. Wir müssen versuchen, Jüngere ans Ehrenamt heranzuführen und ihnen klarmachen, dass sie das nicht gleich für zehn Jahre machen müssen. Die jungen Leute bekommen natürlich häufig mit, dass da noch andere Leute sind, die sich bereits, zwanzig, dreißig Jahre ehrenamtlich als Übungsleiter oder im Vorstand engagieren. Es reicht auch, wenn sich die Leute mal drei, vier, fünf Jahre einbringen. Aber die Angst ist häufig da: Wenn ich jetzt einmal ja sage, dann muss ich das für immer machen. Wenn man diese Angst nimmt, gibt  es viel Dankbarkeit, die zurückkommt, auch so viele interessante Geschichten, die man erleben kann. Es ist nicht schlimm, wenn man sich nur drei Jahre engagiert. Die Vereine sind dankbar dafür, wenn Leute ihre Kraft, ihre Zeit und ihr Engagement dort mit reingeben.

Wie viele ehrenamtlich Engagierte gibt es beim Landessportbund?

Wir haben aktuell fast 90.000 Ehrenamtliche, die im Sport aktiv sind. Übungsleiter, nicht zu vergessen die Eltern - die sind auch ehrenamtlich tätig - bis hin zu denen, die den Vorstandsfunktionen sitzen. Auf dieser hohen Zahl stagnieren wir allerdings. Platt gesagt, laufen die Ehrenamtlichen den Vereinen jetzt nicht die Bude ein. Das Gewinnen neuer Mitglieder steht für uns als Landessportbund für die nächsten Jahre auf der Agenda.

Wie tun sie das?

Das System ist sehr dynamisch geworden, und gerade die Coronakrise hat gezeigt, dass an den digitalen Kommunikationswegen kein Weg mehr vorbeiführt. Für die Ehrenamtlichen ist das natürlich Fluch und Segen zugleich. Manche wollen vielleicht nicht mehr so zum Sport gehen, weil die Digitalisierung sie eingeholt hat. Auf der anderen können wir innerhalb der Trainingsgruppen oder auch der Mannschaften ganz anders miteinander kommunizieren. Wir haben hier die Chance, schneller zu agieren und zu reagieren. Aber da kann nicht nur der Landessportbund mit Ideen kommen. Der Verein an der Basis muss es umsetzen. Ohne die Basis funktioniert es nicht, dann haben wir auch keinen Leistungssport mehr. Das heißt, dass sich auch die Basis ein Stück weit reformieren muss. Gerade bei denen, die etwas höherklassiger spielen, merkt man inzwischen, dass es nicht mehr nur mit dem ehrenamtlichen Einsatz ab 17, 18, 19 Uhr funktioniert. Sie müssen irgendwann über das Hauptamt im Verein nachdenken. Das ist etwas, wo sich aber in den letzten Jahren ein deutliches Aufbäumen der Vereine gezeigt hat. Wir hoffen, dass das in Zukunft für einige interessanter wird.

Wie kann die Digitalisierung dabei helfen, die Basis zu reformieren?

Das ist einfaches Handwerk: Von der WhatsApp-Gruppe zum Beispiel kann das reichen bis hin zur Planung der Nutzung von Hallen. Es gibt inzwischen elektronische Möglichkeiten, mit denen ich auslesen kann, wer drin ist, wie ich hinkomme, welche Bewegungsmöglichkeiten es dort gibt. In Sachsen-Anhalt gibt es einen digitalen Sportstätten-Atlas. Wenn Familien umgezogen sind und die Eltern beispielsweise nicht genau wissen, wo sie oder ihr Kind Sport treiben können, schauen sie dort nach. Da finden sie Sportarten, Sportgruppen, Möglichkeiten für Leute mit Einschränkungen, die Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr. Das macht's dann schon einfacher, sich auch wieder dem System Verein zu nähern.

Stellt sich die Frage, wann es den Atlas auch in Sachsen geben wird...

Wir arbeiten daran. Was in sie Sachsen-Anhalt erstellt haben, war ein Pilotprojekt. Die Bundesregierung untersucht gerade auf Bundesebene die Möglichkeit eines digitalen Sportstätten-Atlas. Und warum in die Ferne schweifen, wenn eine wirklich gute Lösung schon so nahe liegt? Das wäre natürlich auch für uns etwas, um hier den Vereinen etwas anzubieten.

Es wäre auch eine Aufwertung und Würdigung des Ehrenamtes. Sehen Sie da einen Verbesserungsbedarf?

Die Anerkennung schon sehr deutlich da. Bestes Beispiel: Letzte Woche Freitag hat der Präsident des Landessportbundes gemeinsam mit Sportminister Wöller Ehrenamtliche aus dem Bereich Sport geehrt. Ansonsten versucht der Freistaat Sachsen, die Pauschalen so weit anzuheben, dass wir hier eine Gleichheit auch zu anderen Programmen im Freistaat herstellen können. Die Aufmerksamkeit ist also da aber sie wird nie genug sein. Wir dürfen nicht stagnieren. Aber wir sind auf einem guten Weg und wir werden auch nicht nachlassen.

Welche Unterstützung vom Freistaat würden Sie sich denn wünschen?

Wir haben viel Papierkram. Das fängt an bei versicherungstechnischen Fragen bis hin zur Übungsleiterlizenz. Dann muss ich sagen, wo ich trainiere und welche Gruppen und jetzt noch Corona. Das bringt noch mehr Bürokratie. Hier ist die Digitalisierung auch ein Stück Heilsbringer. Der Verein kann schauen, was er noch unternehmen kann, um weniger bürokratisch arbeiten zu müssen. Wenn das nicht funktioniert, können sich die Vereine immer auch an uns wenden. Wir nehmen das gerne auf und ab einem gewissen Level versuchen wir dann, dem Freistaat diese Information zurück zu spielen, zu sagen, wir sollten an der Überbürokratisierung arbeiten.

Ehrenamt, gerade im Sport, hat einen stark integrativen Charakter. Inwiefern kann der Sport helfen, extremistische Tendenzen einzudämmen?

Wir haben ein Programm im Landessportbund, das sich damit auseinandersetzt: Zusammenhalt durch Teilhabe. Hier nehmen wir solche Themenfelder auf und versuchen, aktiv daran zu arbeiten, damit sich die Vereine auch der Verantwortung stellen und keine Angst haben. Es gibt Stützpunkte, Vereine, die von uns in diesem Bereich tatsächlich Unterstützung erhalten. Die wollen Menschen helfen, das aber nicht publik machen, weil sie Sorge haben, dass ihnen in ihrem Vereinsheim oder wo auch immer, wenn sie das öffentlich machen, nichts Gutes widerfährt. Diese Angst darf nicht bestimmend sein. Es sollte normal sein, etwas zu tun, ohne dass ich Sorge tragen und über meine rechte oder linke Schulter gucken muss, ob da was passiert. Für uns ist es wichtig, hier weiterzumachen. Und der Sport sollte, soweit er das kann, hier vollkommen barrierefrei stattfinden. Ob das politische Einstellungen sind oder ob das körperliche Einschränkungen sind, das darf nicht zählen, sondern hier und jetzt sind wir alle gleich.

Wie genau unterstützen Sie die Vereine in diesem Anliegen?

Wir bieten unterschiedliche Möglichkeiten an, von der Erstberatung, bei der wir versuchen, Leute darauf aufmerksam zu machen: Guckt euch an, was die Leute für Kleidung tragen, die da zu euch kommen. Wir  klären auf über Kennzeichen, die für eine bestimmte Gesinnung sprechen, bis hin zu dem Punkt, dass wir die Vereine unterstützen, wenn Fälle aufgetreten sind. Dann versuchen wir, die Vorfälle gemeinsam mit dem Verein aufzuarbeiten und bieten Workshops an, um hier Trainer oder Vorstand oder auch Kinder für diese Themen zu sensibilisieren. Auf die Vereine kommen keine Zusatzkosten zu, der Landessportbund setzt die Angebote um.

Wie effektiv kann das Programm dann sein?

Die Basis ist dabei, wenn wir über Workshops mit den Kindern sprechen oder mit den Trainingsgruppen. Notwendig ist es dann aber auch, dass sich der Vorstand mit diesen Themen beschäftigt. Wenn wir über Haftungsfragen sprechen, wenn es wirklich Probleme gibt, die am Ende vielleicht sogar vor Gericht landen. Insofern ist es für uns wichtig, den Vorstand, die Trainerinnen und Trainer aber auch Eltern mitzunehmen. Häufig ist es so, dass die Eltern nicht verstehen, warum auf einmal die Trainerin oder der Trainer nicht mehr da sind. Oder warum im Vorstand plötzlich etwas passiert. Das gibt oft noch einmal schwierige Diskussionen im Verein selbst.

Wie denken Sie, wird sich das Ehrenamt im Sport weiterentwickeln?

Wenn wir das Engagement nicht weiterhin aktiv unterstützen und bewerben, wird es schwierig werden, diese hohe Anzahl an aktiven Ehrenamtlichen beizubehalten. Es ist immer wieder eine schöne Geschichte, und man hört von Leuten, die sich ehrenamtlich engagieren, wie wichtig es ist und was es ihnen auch in ihrer persönlichen Entwicklung gebracht hat. Diese positiven Seiten müssen wir in den Fokus stellen. Dann ist mir nicht bange, dass wir in den kommenden Jahren im Ehrenamt weiterhin auf hohe Zahlen bauen können.