"Adressat unbekannt" von Kressmann Taylor. Eine szenische Lesung mit musikalischer Umrahmung

Deutschland 1932. Zwei Freunde - der eine Jude, der andere "reinrassiger Arier". Die Wege beider Männer trennen sich räumlich, aber die Freundschaft scheint herzlich und verlässlich zu bleiben. Bis einer der Freunde zusehends fanatisiert und ein Drama seinen Lauf nimmt, das ein ungewöhnliches Ende hat. Eine Geschichte, die zum Nachdenken und Diskutieren über eigene Wertvorstellungen anregt; etwa über Freundschaft, Rache und Versöhnung oder über Zivilcourage.Eine Geschichte, die zum Nachdenken und Diskutieren über eigene Wertvorstellungen anregt; etwa über Freundschaft, Rache und Versöhnung oder über Zivilcourage. Die Autorin Katherine Kressmann Taylor lebte in New York und war als Werbetexterin tätig. Die Geschichte basiert auf einigen wenigen Briefen, die tatsächlich existierten und die von der Autorin künstlerisch verarbeitet wurden. "Adressat unbekannt" veröffentlichte sie erstmal 1938 in einer amerikanischen Zeitschrift.

Die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung hat aus diesem Text eine szenische Lesung gemacht, die musikalisch passend umrahmt wird. In den nachfolgenden Gesprächen oder auch bei schriftlichen Rückmeldungen durch die Teilnehmer wird deutlich, dass mit der Lesung dieser Texte die Ideologie des Nationalsozialismus und seine Wirkung auf die Menschen in besonderer Weise hervortreten.

„Delitzscher Kamingespräche“ am 19. März 2014: Eindrücke unseres Praktikanten Simon Barthelmess

"Adressat unbekannt" - zwei eindeutige Worte, die dem Absender eines Briefes mitteilen, dass seine Sendung ihren Empfänger nie erreichen konnte. Der Verbleib des Briefes wird somit klar - unklar bleibt aber der Verbleib des Empfängers. Wieso kann der Brief nicht mehr wie zuvor zugestellt werden? Hat der Adressat die Annahme verweigert, ist er umgezogen oder womöglich verstorben? Diese drängenden Fragen stellen sich auch einem der beiden Protagonisten im Stück "Adressat unbekannt" der US-amerikanischen Autorin Kressmann Taylor. Geschrieben 1938 beinhaltet dieses Buch einen beklemmenden Briefwechsel zwischen zwei Freunden, der die Radikalisierung in der NS-Diktatur eindrücklich beschreibt. Der eine ist Jude und lebt in San Francisco, der andere ist Deutscher und kehrt zur Zeit von Hitlers Machtergreifung nach München zurück. Anhand der Korrespondenz wird deutlich, wie sich diese ehemals von gegenseitigem Respekt geprägte Freundschaft zu einer Beziehung aus Ablehnung, Verrat und Rache entwickelt. Der Briefwechsel findet ein ungewöhnliches Ende und zeigt, wie durch die NS-Ideologie Leben zerstört wurden.

Ein schwieriges Thema - am Ende des Stückes schwieg der Saal. Die verstörende Geschichte hinterlässt den Zuhörer mit einem bedrückenden Gefühl. Veranstaltungsleiterin Frau Dr. Zehrer trifft mit ihren Fragen zum Werk auf ein aufgewühltes Publikum. Dennoch entwickelt sich eine Diskussion über die beiden Protagonisten und ihr Handeln. Wer hat falsch, wer hat richtig gehandelt? Kann es darauf überhaupt eine einfache Antwort geben? Die Debatte über Moral und Motiv findet keine eindeutige Erklärung, aber durch die lebhaften Gespräche am Ende der Veranstaltung wird klar, dass "Adressat unbekannt" zum Nachdenken und zum Ergreifen eines eigenen Standpunktes auffordert.

Delitzscher Kamingespräch

Martin Sommer und Titus Maack sind gespannt, wie das Publikum in Delitzsch reagieren wird.
Zur szenischen Lesung im Schloss Delitzsch waren etwa 100 Personen gekommen, die mit großer Aufmerksamkeit und Spannung das Geschehen verfolgten.
„Adressat unbekannt“ - mit diesem Poststempel versehen kam der letzte Brief zurück.
Unter den Zuhörern befanden sich Soldaten der Unteroffizierschule Delitzsch. Wie viele andere Teilnehmer auch füllten sie nach der Lesung einen Bogen aus, in dem die Landeszentrale u.a. fragte, ob und wenn ja –wie – sie sich ein anderes Ende des Dramas gewünscht hätten. Fotos: Rolf Schrader