Religion - ein Stachel im Fleisch?

Bericht zur Veranstaltung "Ich stehe hier und kann auch anders. Macht. Religion. Politik." am 15. März 2014 an der Leipziger Universität von Henry Krause

Glaube bewegt; überall und zu allen Zeiten. Manchmal versetzt er tatsächlich Berge und macht Geschichte. Religion versöhnt, kann aber auch spalten. Die Tragweite individueller oder kollektiver Entscheidungen, die sich auf religiöse Motivation beziehen, wird oft erst im Nachhinein deutlich. Ein Beispiel ist die Leipziger Disputation im Sommer 1519 auf der Leipziger Pleißenburg: Johannes Eck und Martin Luther diskutierten damals mehr als zwei Wochen über die Unterschiede zwischen katholischer und reformatorischer Lehre. "Mit der Leipziger Disputation beginnt die Geschichte der Spaltung der Konfessionen, denn diese Veranstaltung war keine Podiumsdiskussion, sondern ein scharfer akademischer Disput zwischen Luther und seinen altgläubigen, katholischen Opponenten", erinnerte Klaus Fitschen in seinem Eröffnungsvortrag.

Die Ministerpräsidenten Reiner Haseloff und Christine Lieberknecht
Chef der Sächsischen Staatskanzlei: Dr. Johannes Beermann
Der Magdeburger Alt-Bischof Axel Noack
Der Pfarrer der katholischen Propsteikirche Gregor Giele

Mut vor Fürstenthronen

Die Veranstaltung der drei mitteldeutschen Landeszentralen bezog sich auf die Disputation knapp 500 Jahre zuvor und wollte das Verhältnis von Religion und Politik heute zur Sprache bringen. Frank Richter, der Direktor der Sächsischen Landeszentrale, verknüpfte in seiner Begrüßung den Martin Luther zugeschriebenen Satz: "Ich stehe hier und kann nicht anders" mit dem Jahresthema der Landeszentrale "Ich stehe hier und kann auch anders". Während er sich vor dem ersteren aufgrund des Mutes vor Fürstenthronen aufgrund einer Gewissensentscheidung "innerlich verbeuge", weise das Jahresthema auf die Vielfalt von Entscheidungsoptionen in der heutigen Gesellschaft hin. Man könne sich eben immer auch ganz anders entscheiden. Dies sei dann "weniger eine Sache von Religion und Politik, sondern eher eine Gewissensfrage", meinte Klaus Fitschen, Professor für Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig. "Sicher ist jede und jeder von uns ist in seinem Leben wenigstens einmal dahin gekommen, zu dem zu stehen, was man denkt und glaubt. An Leib und Leben bedroht ist man dabei in der Regel nicht."

In der nachfolgenden Podiumsdiskussion spielte die Situation der Christen in der DDR und die Erfahrungen der Diskutanten zu dieser Zeit eine wichtige Rolle. Die Kirchen waren zunächst ein Fluchtraum, dann boten sie eine Plattform für regimekritische Aktivitäten und schließlich Dienstleistungen im Rahmen der Transformation zur Demokratie, meinte der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff. Die Qualifikation für politische Ämter nach 1989 wurde in der DDR auch in den Pfarrhäusern erworben, ergänzte die Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen, Christine Lieberknecht. Der Moderator Thomas Bille vom MDR hatte mehrfach die auffällige Häufung von Christen in politischen Ämtern in den mitteldeutschen Ländern angesprochen. Für die katholischen Gebiete im Westen vermutete er, dass es dort der Pfarrer gewesen sei, der von der Kanzel sagte, welche Partei zu wählen sei. Diese Vermutung hatte schon unter Bismarck die Mehrheit des Reichstages bewogen, den "Kanzelparagraphen" zu verabschieden. Der Chef der Sächsischen Staatskanzlei, Johannes Beermann, antwortete darauf schlagfertig, dass die Pfarrer im Münsterland keineswegs sagen mussten, dass man CDU wählen solle. "Das wussten die Leute von selbst."

Das Wort der Kirchen ist nach wie vor gewünscht

Derartige weltanschauliche Milieus, in denen man wusste, wo man hingehört, gibt es heute kaum noch. Reiner Haseloff schätzt den Anteil aktiver Christen in Deutschland zwischen 5 und 8 Prozent. Doch diese Minderheit habe eine wichtige Aufgabe, einen Dienst für andere. Der Magdeburger Alt-Bischof Axel Noack brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, dass, wer sich heute vor Gott beuge, vor den Menschen umso gerader stehe. Es gehe nicht nur darum, sich über Pferdefleisch in der Pizza aufzuregen. "Der Staat braucht Gruppen in der Gesellschaft, die aus Überzeugung richtig handeln und nicht nur, weil eine Strafe drauf steht." Der katholische Pfarrer der Propsteikirche, Gregor Giele, meinte, dass "uns die Diskussionspartner abhanden gekommen sind; die Ideologien, auch wenn ich ihnen nicht nachtrauere. Wo leisten wir gesellschaftliche Grundlagenarbeit? Da gibt es fast nur noch die Kirchen." Dort sieht auch die thüringische Ministerpräsidentin eine Aufgabe der Kirchen: Das Wort der Kirchen sei nach wie vor gewünscht, gerade in schwierigen Situationen. Gerade das kürzlich erschienene Sozialwort der Kirchen erzielte kaum eine Resonanz. "Papiere sind Konsenspapiere. Das letzte war nicht so toll", meinte dazu der evangelische Alt-Bischof, übrigens wie der katholische Pfarrer im Hemd mit römischen Kragen erschienen.

Der Moderator versuchte herauszubekommen, wo denn die Religion heute noch der Stachel im Fleisch sei? Viel war dazu nicht zu hören. Der Wunsch der Rektorin der Universität, Beate Schücking, bei der Begrüßung, die Disputation von 1519 möge bei dieser Gelegenheit fortgeführt werden, wirkte schon bei Beginn der Veranstaltung sehr ambitioniert. Der Wunsch, so ein Niveau heute wieder herstellen zu können, wie damals bei der Disputation, sei ein Traum, meinte Gregor Giele. "Die Eindeutigkeit der Argumente von damals ist heute nicht mehr erreichbar. Eindeutigkeit ist praktisch nicht mehr gegeben. Das ist auch ein Problem für die Politik. Der zeitgemäßere Raum ist heute der Runde Tisch."