Prof. Dr. Klaus Fitschen zu Macht. Religion. Politik.

Prof. Dr. Klaus Fitschen bei seinem Vortrag am 15. März 2014 in Leipzig

Vortrag von Prof. Dr. Klaus Fitschen (Universität Leipzig, Institut für Kirchengeschichte, Lehrstuhl für Neuere und Neueste Kirchengeschichte) vom 15. März 2014 in Leipzig

"Hier stehe ich, ich kann nicht anders!" - Das ist ein viel zitierter Satz, auch in säkularer werdenden Zeiten. Zugeschrieben wird dieser Satz Martin Luther, der ihn 1521 im Angesicht des Kaisers und der Fürsten auf dem Reichstag zu Worms gesprochen haben soll, als er sich und seine Sache zu verteidigen hatte. Und auch wenn dieser Satz Luther tatsächlich erst nach dem Reichstag zugeschrieben wurde, fängt er doch ein, was zu den Urdaten der Reformation gehört und was Luther in Worms getan hatte. Als ein politisch machtloser Mensch hatte er einen Widerruf seiner Lehren abgelehnt und sich dabei auf drei Grundlagen berufen: auf die Autorität der Bibel, die der Maßstab für seine Lehren war, auf die Vernunft und auf sein Gewissen. Was Luther letztlich rettete, war die Politik, nämlich der Schutz seines Landesvaters, der ihn auf die Wartburg bringen ließ: Friedrich der Weise wollte seinen kostbaren Professor am Leben erhalten, auch wenn er über ihn sagte: "Er ist mir viel zu kühne."

Luther unterschied sorgfältig Religion und Politik

Das "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" ist vielfach zitiert und variiert worden, eben auch so: "Hier stehe ich, ich kann auch anders." Luthers durchaus demütige Haltung vor dem Kaiser und den Reichsfürsten verkehrt sich in dieser Variation in etwas Trotziges, gar Drohendes. Luther hätte so nicht reden können. Er unterschied sorgfältig die Sphären von Religion und Politik. Die Politik hatte die Gewissen zu schützen und für Ordnung zu sorgen, die Religion aber war dafür da, dass Menschen selig werden konnten. Freilich waren diese beiden Sphären in der Realität letztlich nicht auseinanderzuhalten, denn es konnte gar nicht unpolitisch zugehen: Mit dem Kaiser und den meisten Reichsfürsten hatte Luther es sich nun verdorben, und wenn wir schon an die Leipziger Disputation des Jahres 1519 erinnern, muss dazu gesagt werden, dass er es sich dabei auch schon mit dem Papst verdorben hatte, der mehr war als eine geistliche Macht. Mit der Leipziger Disputation beginnt die Geschichte der Spaltung der Konfessionen, denn diese Veranstaltung war keine Podiumsdiskussion, sondern ein scharfer akademischer Disput zwischen Luther und seinen altgläubigen, katholischen Opponenten.

Dass Religion da, wo die Konfessionen aufeinander prallten, eine politische Gefahr sein konnte, zeigte die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges, und die Lehre daraus war eine nachhaltige Zähmung der Religion durch die Politik und das Recht, festgeschrieben im Westfälischen Frieden. Die deutschen Staaten trachteten in der Neuzeit danach, Religion und Kirche zu kontrollieren und sie in einem pragmatischen wie aufklärerischen Sinne nutzbar zu machen, was ihnen im Falle des Protestantismus auch recht gut gelang. Auf katholischer Seite wollte das nicht immer funktionieren, und als die Konflikte zwischen dem Staat und der katholischen Kirche im 19. Jahrhundert eskalierten, kam es zum Kulturkampf und in der gänzlich unerwarteten Folge zur Etablierung eines politisch selbstbewussten Katholizismus.

Die Kirchen wurden leerer

Die Politik machte etwas mit der Religion, faktisch aber mit den Kirchen. Die Religion machte aber auch Politik, wenn auch weniger im Blick auf die große Politik, sondern mehr im Blick auf Wertvorstellungen und soziale Ordnungsmuster. Schon im 19. Jahrhundert aber wurde sichtbar, dass der Einfluss der Religion auf diese Ordnungen schwand. Die Aufsicht der Kirchen über das Volksschulwesen wurde strittig, der schulische Religionsunterricht ansatzweise auch, Menschen lebten zusammen ohne Trauschein, die Kirchen wurden leerer.

Eine der Folgen davon war, dass evangelische Pastoren zu Beginn des Ersten Weltkriegs sich nicht genug für diesen Krieg begeistern konnten: Religion machte hier Politik, insofern sie den nationalen Geist anfachte, was im übrigen den fanatischen Erklärungen deutscher Professoren aller Fakultäten auch an dieser Universität gleichkam. Der Erste Weltkrieg mit seinem viel beschworenen "Burgfrieden" verhieß nationale Integration, auch die der Konfessionen, und eine Wiederkehr der schon schwindenden Religion. "Gott mit uns": So steht es schon auf dem Völkerschlachtdenkmal von 1913.

Man wollte über den Parteien stehen

Geht man der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts weiter nach, so stellt sich immer wieder die Frage: Machte Religion Politik? Auch hier muss man zwischen den Konfessionen unterscheiden. In der Zeit der Weimarer Republik gab sich die evangelische Kirche neutral: Man wollte über den Parteien stehen. Mit der damals noch kirchenfeindlichen Sozialdemokratie aber wollte man nichts zu tun haben, mit der katholischen Zentrumspartei natürlich auch nicht. Dabei wählten die meisten Mitglieder der evangelischen Kirche die SPD, weil sie Arbeiterinnen und Arbeiter waren. Für die protestantischen Führungsschichten aber blieb eigentlich nur noch die nationalkonservative DNVP. Die Katholiken hatten es leichter, sich auf das neue politische System einzulassen: Auch wenn sie nicht alle die Zentrumspartei wählten, hatten sie mit ihr doch einen parlamentarischen Anker in der zerbrechlichen Demokratie von Weimar. In die nationalsozialistische Diktatur gingen beide großen Konfessionen darum auch mit unterschiedlichen Voraussetzungen: Viele Kirchenvertreter meinten nun wie 1914, der Protestantismus sei wieder gefragt, während auf katholischer Seite eine große Skepsis blieb, was man von einem totalitären Staat und vor allem einer totalitären Ideologie erwarten sollte.

Ein fester Platz durch Mitwirkung

Die große Wende, so könnte man sagen, ereignete sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland, mit bis heute nachwirkenden Folgen. Was nach dem Ersten Weltkrieg nicht gelang, nämlich eine Demokratisierung der Gesellschaft, das geschah nun, und diese Demokratisierung gelang auch dadurch, dass die Kirchen im Aufbau der jungen Bundesrepublik einen festen Platz erhielten - durch das Grundgesetz, aber auch durch die Mitwirkung in Institutionen und Selbstverwaltungsorganen, nicht zuletzt durch die Mitwirkung am Aufbau des Sozialstaates. Religion machte hier Politik, aber eigentlich waren es die Kirchen als Institutionen, die das machten und die sich nun auch politisch pluralisierten: Der Protestantismus, in großen Teilen noch grundkonservativ, entwickelte einen pazifistischen Flügel, und auf einmal gingen Menschen aus christlicher Überzeugung auf die Straße, um gegen die Wiederbewaffnung und die Atomrüstung zu demonstrieren.

Auch die Parteien aber pluralisierten und öffneten sich: Die SPD überwand bei ihrer Suche nach neuen Wählerschichten ihre kirchenfeindliche Haltung, und die aus der katholischen Zentrumspartei hervorgegangene CDU warb um evangelische Wählerinnen und Wähler. Sie war eben eine Union von Katholiken und Protestanten. Die Parteien wurden nun Volksparteien, und sie wurden das auch dadurch, dass sie für Menschen aus beiden Konfessionen wählbar und in ihnen Politiker und auch Politikerinnen aktiv waren, die erkennbar eine konfessionelle Prägung hatten. Bis heute sind Vertreterinnen und Vertreter der Politik ja auch in kirchlichen Führungsgremien wie dem Rat der EKD, in Synoden und im Zentralkomitee der deutschen Katholiken zu finden.

Nicht nur harmonisch

Das Verhältnis von Staat und Kirche, Religion und Politik war in der alten Bundesrepublik freilich nicht nur harmonisch. Das zeigte sich seit den 1970er Jahren deutlich. Vor allem war es der linke Flügel des Protestantismus, der für manche Menschen geradezu verstörend wirkte, wenn er sich bei Themen wie Kernenergie, Frieden und Umwelt ganz im Sinne des "Hier stehe ich, ich kann auch anders" äußerte. Darin kam eine Haltung zum Ausdruck, die auf die einen wie edler Bekennermut und auf die anderen wie trotzige Rechthaberei wirkte. Zwischen politisch-moralischem Pathos und bürgerschaftlichem Engagement war nicht immer leicht zu unterscheiden. Im Ergebnis allerdings fand derlei Standhaftigkeit nun als Praxis des zivilen Ungehorsams Eingang in das kirchliche Leben und die christliche Existenz. Martin Luther King und Mahatma Gandhi traten nun in die Reihe derer, denen man das "Hier stehe ich" ebenso zuschreiben konnte. Die Überzeugung, dass der Rechtsstaat in einzelnen Grenzfällen nicht immer auf den ersten Blick Recht hat und vielleicht noch einmal genauer hinsehen muss, brachte Menschen dazu, auf Grundlage ihres Gewissens Entscheidungen zu fällen, die beispielsweise zum Kirchenasyl führten.

Zugleich aber mussten die Kirchen zur Kenntnis nehmen, dass eine Säkularisierung eingesetzt hatte, die zu einem Schwund an Mitgliedern und gesellschaftlichem wie politischem Einfluss führte. Als man 1972 zum ersten Mal in der evangelischen Kirche die eigenen Mitglieder befragte, stellte sich heraus, dass sie mehrheitlich gar keine politische Kirche wollten, sondern eine Kirche, die ihnen in bestimmten Lebenssituationen in Freud und Leid zur Seite stand. Dabei ist es in den folgenden Umfragen dann auch geblieben. Die Debatten um die Nachrüstung zu Beginn der 1980er Jahre mit ihren Aufsehen erregenden Demonstrationen waren dann eigentlich die letzten gesellschaftlichen Konflikte, in denen die Kirchen so zu Wort kamen, dass sie auch gehört wurden. Strittig ist dabei immer gewesen, ob sich Kirchenvertreterinnen und Kirchenvertreter überhaupt politisch äußern sollten oder ob es nicht evangelischer, jedenfalls eher im Sinne Luthers wäre, die Politik den Politikerinnen und Politikern zu überlassen und sich von Seiten der Kirche nur um die geistlichen Dinge zu kümmern.

Befehl und Demütigung

Ähnliche Fragen konnten auch in der DDR gestellt werden, von kirchlicher wie von staatlicher Seite, aber viel radikaler. In der DDR hatten Staat und Kirche, Religion und Politik offiziell nur wenig miteinander zu tun: Die SED-Diktatur gab sich größte Mühe, nach außen hin Religionsfreiheit zu demonstrieren, während doch eigentlich klar war, dass der Totalitätsanspruch der kommunistischen Ideologie keinerlei Religion duldete. Mit den Kirchenleitungen und der Pfarrerschaft redete man, aber von oben herab. Was sich staatlicherseits Aussprache nannte, war einerseits Demütigung, andererseits Befehlserteilung. Die Kirche sollte die Rolle spielen, die der Staat ihr zugedacht hatte. Dass Religion und Kirche über die Jahre und Jahrzehnte dennoch überlebten, hatte auch damit zu tun, dass es immer noch eine besondere gesamtdeutsche Gemeinschaft gab, die die evangelische Kirche vor der Unterwanderung und Gleichschaltung schützte, wie sie in osteuropäischen Staaten gang und gäbe war. Religion machte hier nicht Politik, die Politik hätte gerne mit der Religion gemacht, was sie wollte. Die Resistenz vieler Menschen gegen die totale Ideologisierung ihres Lebens konnte ihren Grund auch in jener Gewissheit haben, die in dem "Hier stehe ich" liegt, und der Freiraum, den die Kirchen boten, hatte nicht erst 1989 seine Auswirkungen. Auch wenn die Friedliche Revolution insgesamt keine protestantische oder christliche war, brachte sie doch Menschen hervor, die im christlichen Geist und teils auch geprägt durch das Mitwirken in kirchlichen Institutionen bereit waren, sich für einen radikalen Wandel zu engagieren.

Neue Fragen

Was aber heißt das nun heute? Die weiter voran schreitende Säkularisierung, aber auch die im Osten Deutschlands nicht so deutlich spürbare religiöse Pluralisierung stellen die traditionellen Verhältnisse in Frage. Sind die Kirchen nicht überprivilegiert? Gibt es nicht eine Trennung von Staat und Kirche? Was hat der Religionsunterricht in der Schule zu suchen, was Theologische Fakultäten an Universitäten und warum gibt es in Leipzig eine Universitätskirche? Und sollte man Religion nicht überhaupt zur Privatsache machen und damit die aus ihr immer wieder folgenden Konflikte ausschalten? Ja, hatte Marx nicht sowieso alles über Religion gesagt, was man darüber wissen muss?

Alle diese Fragen sind in den letzten Jahren durch eine stärkere Präsenz des Islams in ein neues Licht gerückt worden. War gelegentlich diskutiert worden, den Religionsunterricht aus seinem grundgesetzlich verbürgten Charakter als ordentliches Schulfach zu verdrängen, so wird nun muslimischer Religionsunterricht an Schulen etabliert, und die dafür notwendigen Fachkräfte werden an Universitäten wissenschaftlich ausgebildet. Während Kirchen aufgegeben werden, werden anderswo Moscheen gebaut, auch in dieser Stadt. Insgesamt mag es weniger Religion in Deutschland geben, aber dafür gibt es eine größere Pluralität davon, die den Staat und die Politik und das Bildungswesen vor neue Herausforderungen stellen. Das gilt nicht nur für Muslime, sondern auch für christliche Migrantinnen und Migranten, die sich nicht mehr automatisch in die etablierten Kirchen integrieren.

Religion und Politik geraten durch diese Veränderungen in neue Konstellationen, die aber nicht zuerst eine Frage der Tagespolitik sind. Was Staat und Politik von einer Religionsgemeinschaft erwarten, scheint nach wie vor durch die historische Erfahrung mit den christlichen Kirchen bestimmt zu sein: Hier gibt es Struktur und Organisation und in der Regel akademisch gebildetes Führungspersonal. Das hat sich im Verfassungsrecht und seiner Ausgestaltung niedergeschlagen.

Die Kirche gehört nicht zur Politik, aber in die Welt

Macht Religion Politik? Besser nicht, sagen religiös gebundene wie die meisten Zeitgenossen laut den Umfragen mehrheitlich. Gemeint sind damit direkte politische Appelle oder Eingriffe. Aber Politik hat viele Dimensionen, so wie auch die Religion und das Wirken der Kirchen viele Dimensionen hat. Auch das Leben und Handeln der Kirchenmitglieder hat viele Dimensionen, unter denen die religiöse Identität nur eine ist. Will man die Frage "Macht Religion Politik?" mit einer zukunftsfähigen Antwort versehen, so sollte man daran denken, dass es trotz aller Säkularisierung immer noch Religion gibt und auch die Kirchen, nicht zuletzt aber die Kirchengemeinden, in denen das eigentliche kirchliche und religiöse Leben stattfindet. In diesen Gemeinden arbeiten Pfarrerinnen und Pfarrer, von denen wir erwarten, dass sie aus ihrem Studium mehr mitnehmen als theologisches Spezialwissen, nämlich die Kompetenz, für gesellschaftliche und politische Entwicklungen sensibel zu sein. Die Kirche gehört zwar nicht direkt in die Politik, aber in die Welt. Sie hat Aufgaben im Bildungs- und Sozialwesen und allgemein beim Aufbau einer Bürgergesellschaft. Die Kirchen haben wie alle Religionsgemeinschaften die Aufgabe, an diesem Aufbau mitzuwirken und somit Bildung zu vermitteln, für die Demokratie und den Rechtsstaat zu werben, bei der Integration von Migrantinnen und Migranten mitzuwirken, für Toleranz einzutreten und die Gewissensbildung zu fördern. Das ist ihre politische Aufgabe, über der sie freilich ihre geistliche nicht vernachlässigen dürfen.

Was das Verhältnis von Religion und Politik, Kirche und Staat angeht, bleibt es also spannend und auch spannungsreich, wie aktuelle Konflikte um die Finanzierung von Schulen in freier Trägerschaft, um den Inhalt von Bildungsplänen in Baden-Württemberg und um das kirchliche Arbeitsrecht zeigen. Ähnliche Konflikte hat es in den letzten Jahrzehnten immer wieder gegeben. Der Boden, auf dem sie ausgetragen werden, ist der, auf dem wir alle stehen: die Rechtsordnung nämlich, der Kirche und Politik, Christen, Angehörige anderer Religionen und Religionslose gleichermaßen verpflichtet sind.

Das sind die deutschen Verhältnisse. Das "Hier stehe ich" ist weniger eine Sache von Religion und Politik, sondern eher eine Gewissensfrage. Sicher ist jede und jeder von uns ist in seinem Leben wenigstens einmal dahin gekommen, zu dem zu stehen, was man denkt und glaubt. An Leib und Leben bedroht ist man dabei in der Regel nicht. Anders ist das in Unrechtsstaaten: Der morgige Sonntag ist in der evangelischen Kirche ein Gedenktag für die vielen verfolgten Christen in der Welt, die nichts anderes verbrochen haben, als zu sagen: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders."