Das Spannungverhältnis von Politik und Religion ist 2014 Jahresthema der Landeszentrale

Jeder kann auch anders

1521 verteidigte Martin Luther sich und seine reformatorischen Thesen vor dem Reichstag in Worms. Trotz drohender Ächtung behauptete er seinen Standpunkt und widerrief nicht. Dabei soll er gesagt haben: "Hier stehe ich - ich kann nicht anders! Gott helfe mir, Amen!" Mit diesem Wort wurde er zu einem bedeutenden Kronzeugen für den unbedingten Anspruch einer persönlichen Gewissensentscheidung. 475 Jahre nach der Einführung der Reformation im albertinischen Sachsen nimmt die Landeszentrale für politische Bildung Bezug auf das diesjährige Motto der Lutherdekade "Reformation und Politik" und relativiert zugleich den oft zitierten Luther-Spruch.

Nichts ist alternativlos

So wie der Einzelne bei der Wahl seines Berufes oder seines Partners zwischen verschiedenen Alternativen wählen kann, so haben auch politisch Verantwortliche bei ihren Entscheidungen die Wahl zwischen unterschiedlichen Optionen. Dabei muss es nicht gleich um grundlegende gesellschaftliche Fragen gehen, auch die vermeintlich "kleinen" Dinge im Alltag eines Politikers verlangen einen abgewogenen Standpunkt. Denn zwischen "gut" und "böse" oder "schwarz" und "weiß" liegen vielfältige und wichtige Facetten. Wie die Entscheidung letztlich ausfällt, welche Argumente schwerer wiegen, welcher Kompass das Handeln bestimmt, hängt nicht zuletzt von den eigenen Werten und denen des gesellschaftlichen Umfeldes ab.

An diesem Punkt treffen Politik und Religion zusammen. Die Bundesrepublik hat nicht das Ziel, Werte zu bestimmen - vielmehr garantiert sie durch die verfassungsmäßigen Grundrechte deren freie Entfaltung. Dabei kommt den Religionsgemeinschaften eine wichtige Rolle zu. Da Judentum und Christentum den in unseren Breiten gängigen Wertekosmos maßgeblich geprägt haben und sich große Teile der Bevölkerung den Kirchen verbunden fühlen, sind es oftmals auch deren Werte, die den Maßstab für die Gestaltung unseres Gemeinwesens bilden. Darüber, wie diese Wertmaßstäbe auszulegen sind und welche Werte den einzig verbindlichen Maßstab bilden sollten, lässt sich trefflich streiten.

Religion bewegt

Nach Jahren, in denen man davon ausging, dass der religiöse Glaube auf lange Sicht in modernen Gesellschaften dem allgemeinen Pragmatismus zum Opfer fallen und damit in der Bedeutungslosigkeit verschwinden würde, hat sich die Situation gewendet. Politik und Religion sind wichtige Gegenstände der öffentlichen Debatte, wie z.B. die Diskussion um die Bedeutung des Islam für Deutschland belegt. National und international erweist die Religion ihre Bedeutung für die Politik im Guten wie im Bösen. Wie zu Luthers Zeiten ist das Verhältnis zwischen Religion und Politik oder Staat und Kirche nicht spannungsfrei. Denn wo Politik und Religion im Spiel sind, geht es auch um Macht.

Ein Thema mit Potential

"Ich stehe hier und kann auch anders. Macht. Religion. Politik." ist ein Thema, dem eine Menge politischer Sprengstoff innewohnt und das viele Fragen aufwirft, die aus sächsischer, deutscher, europäischer oder sogar globaler Perspektive betrachtet werden können, zum Beispiel:

Staat, Religion und Gesellschaft: Gibt es eine Staatsmoral? Vertritt das Grundgesetz christliche Werte? Was glauben Atheisten? Religionsfreiheit: Wie weit darf der Staat in das Leben von Kirchen und Religionsgemeinschaften eingreifen? Haben diese ein Recht auf staatliche Unterstützung? Unterliegt der Bau von Gotteshäusern dem Willen der Mehrheit?

Internationale Konflikte: Ist der Israel-Palästina-Konflikt ein religiöser oder ein politischer? Wie steht es um das Menschenrecht auf Religionsfreiheit?

Macht und Religion: Haben Kirchen und Religionsgemeinschaften mehr Macht als ihnen zusteht? Wollen russisch-orthodoxe Kirche, islamische Gemeinschaften, katholische Kirche oder protestantische Kirchen politische Macht ausüben oder vertreten sie nur die Interessen ihrer Gläubigen?

Neben diesen Fragen ist auch die historische Perspektive zu berücksichtigen. Wir leben in einer Gesellschaft, die seit Jahrhunderten entscheidend durch das Christentum geprägt wurde. Nächstenliebe, besonders die Solidarität mit Schwachen und Benachteiligten, und das europäische Sozialstaatsdenken sind ohne diese Prägung nicht nachvollziehbar. Andererseits waren religiöse Überzeugungen häufig Ursache oder Begründung für große gewalttätige Auseinandersetzungen. Wie erklären sich solche Widersprüche?

Aus Sicht der politischen Bildung bietet das Thema somit eine Vielzahl von Ansatzpunkten für interessante Veranstaltungen und lebhafte Diskussionen frei nach unserem Jahresthema 2012: "Lasst uns streiten!"

Kommt Politik ohne Religion aus?

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Abschlussdiskussion mit Rupert Neudeck, Ulrich Schacht und Wilfried Schulz. Moderation: Frank Richter mehr

Religion - ein Stachel im Fleisch?

Bericht zur Veranstaltung "Ich stehe hier und kann auch anders. Macht. Religion. Politik." am 15. März 2014 an der Leipziger Universität. mehr

Macht. Religion. Politik.

"Die Kirche gehört zwar nicht direkt in die Politik, aber in die Welt." Klaus Fitschen über das Verhältnis von Religion und Politk. mehr

Fakten für Sachsen

  • 20,9 % der Sachsen sind evangelisch
  • 3,7 % der Sachsen sind katholisch
  • 58 allgemeinbildende  Schulen befinden sich in kirchlicher Trägerschaft
  • In Sachsen gibt es 3 Jüdische Gemeinden (Chemnitz, Dresden und Leipzig)
  • 80.000 Schüler besuchen den Religionsunterricht
  • 210 Kitas betreibt die evangelische Kirche
  • 90 % der 1630 evangelischen Kirchen und Kapellen stehen unter Denkmalschutz

Fakten für Deutschland

  • 30,3 % der Deutschen sind Protestanten
  • 30,8 % der Deutschen sind Katholiken
  • 1,5 % der Deutschen sind orthodoxe Christen
  • 120.000 Menschen sind in 108 Jüdischen Gemeinden organisiert

in Deutschland leben:

  • 2 bis 4,3 Mio. Muslime
  • 270.000 Buddhisten
  • 200.000 Juden
  • 100.000 Hindus

Etwa 32 % bis 37 % der Menschen in Deutschland sind konfessionslos.