Blog der Landeszentrale

Gedanken zu Politik, politischer Bildung und Zeitgeschehen von Mitarbeitern und Gästen. Alle Beiträge sind Namensbeiträge und vertreten die Position des jeweiligen Autors. 

Balanceakt zwischen den Generationen. Debatte über die Zukunft des gesetzlichen Rentensystems

Die Menschen in Deutschland werden älter und fitter. Der Bedarf an Renten steigt. Aber wer soll das bezahlen? Sollen die Menschen länger arbeiten? Ein Podium in Dresden ging dem nach.

Ökonom Felix Rösner (links): "Egal ob die Rente umlage- oder kapitalmarktfinanziert ist, das zentrale Problem bleibt die demo- grafische Situation. Es fehlen Kinder in Deutschland."

Alt und Jung. Interessiertes und engagiertes Publikum.

Altbischof Bohl (rechts): "Wir klammern uns zu lange an Altes und sind zu wenig innovationsfreundlich. Das ist ein Problem alternder Gesellschaften."

Juso-Chef Kevin Kühnert: "Die Hauptkonfliktlinie unserer Gesellschaft verläuft nicht zwischen Jung und Alt, sondern zwischen Arm und Reich."

Caritas-Direktor Matthias Mitzscherlich (2.v.r.): "Der Zwang zur Rentenaufstockung nach 45 Arbeitsjahren ist eine Schande."

Problembewusstsein und gegenseitiger Respekt prägten den Abend. So auch die Nachgespräche.

„Alt gegen Jung? Auf der Suche nach einem neuen Generationenvertrag“ – so lautete das Thema einer Diskussion am 16. Mai, zu der die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung und die Katholische Akademie des Bistums Dresden-Meißen eingeladen hatten. Es diskutierten Juso-Chef Kevin Kühnert, Wirtschaftswissenschaftler Felix Rösner, Caritas-Direktor Matthias Mitzscherlich und der evangelische Altbischof Jochen Bohl. Moderiert wurde der Abend von MDR-Journalistin Ine Dippmann.

Konflikte zwischen Arm und Reich

Für Juso-Chef Kühnert ist klar: „Ich bin nicht bereit, mich gegen meine Großeltern ausspielen zu lassen.“ Die Konflikte würden doch zwischen Arm und Reich verlaufen, nicht zwischen Alt und Jung. Was der SPD-Politiker anspricht, ist die emotionsgeladene Diskussion um die Finanzierung der Renten in Deutschland. Den Alten wird der Vorwurf gemacht, sie würden auf Kosten der Jungen leben, weil sie immer älter werden und sich dabei guter Gesundheit erfreuen - und die Jungen dafür schuften müssten.

„Die Idee der Solidarität lebt von der Wechselseitigkeit der Solidarität“, sagt SPD-Politiker Kühnert, der jüngst mit der These über die Vergemeinschaftung von Großunternehmen bundesweit für Schlagzeilen sorgte. Es müsse „perspektivische Versicherungssysteme für alle“ geben. Flexible Übergänge in das Rentenalter gehörten zum Beispiel dazu. Nicht jeder Beruf sei gleichermaßen für eine längere körperliche Belastung geeignet. Zudem müsse über Zuwanderung geredet werden.

Zuwanderung wird nicht reichen

Ökonom Rösel vom Dresdner ifo-Institut hält dagegen: „Das Problem ist nicht so einfach mit Zuwanderung zu lösen.“ Zwar könne eine einmalige Zuwanderung kurzfristig die Rente entlasten. Aber irgendwann wollen diese Arbeitskräfte auch eine Rente. Für ein ausreichendes Auskommen müsste es demnach langfristig eine ständig steigende Zuwanderung geben.

Ohne Änderung der Lebensarbeitszeit werde es nicht funktionieren, ist sich Rösel sicher, längeres Arbeiten werde eine Option sein. Die Lebenserwartung sie um drei Jahre angestiegen und die ältere Generation oft in besserer Gesundheit. Es gehe darum, wie die Belastungen unter den Generationen gut verteilt würden. Rösel ist Mitglied der Jungen Rentenkommission, eine Gruppe vor allem aus Wissenschaftlern, Unternehmern und Politikern, die die Rentenpolitik in Deutschland nicht den Älteren überlassen will.

Recht auf Versorgung

Auch Altbischof Bohl plädiert für eine Erhöhung des Renteneintrittsalters. „Wir haben extrem viele 70-Jährige, die fit sind“, sagt er. Er selbst hätte „auch noch länger gekonnt“. „Wir müssen mal davon ausgehen, dass es bei diesem Einzahl-Prinzip bleiben wird“, sagt Bohl. Von der jungen Generation könne allerdings nicht verlangt werden, dass sie einen großen Teil ausgibt für die Altersversorgung. Dennoch, so betont er, „alte Menschen haben ein Recht darauf, versorgt zu werden.“

Der Diözesan-Direktor des Caritasverbandes im Bistum Dresden-Meißen, Matthias Mitzscherlich, warnt zudem davor, die gesetzliche Rente schlecht reden. „Das ist nicht gut für das subjektive Sicherheitsgefühl der Menschen“, sagt er. „Wir sind darauf angewiesen, dass der Generationenvertrag funktioniert.“ Die Rente müsse für ein auskömmliches Leben reichen.

Mit Augenmaß und Vernunft

Das Problem sei immer dasselbe, sagt Bohl, die Balance zwischen den Generationen sei zum Problem geworden. Weil es inzwischen eine „Unwucht“ zwischen den Generationen gebe, werde es schwierig. Probleme seien aber mit Augenmaß und Vernunft anzugehen. Das gelte auch für die Pflege und die dort angespannte Personalsituation. Es sei eine Situation absehbar, in der es mit dem Personal knapp werde. Das ist seiner Meinung nach ein noch größeres Problem als die Finanzierung der Renten.

Mitzscherlich verweist auf die Bedeutung von gesetzlichen Renten. „Wenn jemand 45 Jahre gearbeitet hat und dann im Sozialamt aufstocken muss, das ist eine Schande für unsere Gesellschaft“, sagt er. In Ostdeutschland gebe es zudem einige Bevölkerungsgruppen, die bei der Rentenzahlung benachteiligt seien, ehemalige Eisenbahner etwa oder Frauen, die nach DDR-Recht geschieden wurden. „Das führt zur Verbitterung, da muss dringend etwas getan werden“, appelliert der Caritas-Direktor. Da werde eine Lebensleistung nicht gewürdigt.

Es fehlen Kinder

Rösel betont zudem: „Es fehlen Kinder in Deutschland“. Solange es an Nachwuchs fehle, gebe es niemanden, der für die alte Generation zahlt. Das beschäftigt auch Altbischof Bohl. Es werde zu wenig für Familien getan, sagt er. Ein Armutsrisiko gebe es nicht nur bei Rentnern, sondern auch bei Familien.

„Da muss etwas passieren“, sagt auch Mitzscherlich und plädiert dafür, stärker präventiv zu arbeiten. Dazu zählten für ihn unter anderem eine aufsuchende Familienhilfe. Menschen, die scheinbar am Rand stehen, müsse eine die Chance gegeben werden, in der Gesellschaft mitzutun.

Kühnert spricht - passend zu der von ihm angestoßenen „Sozialismus“-Diskussion- noch die Erbschaftssteuer an und dass Gewinne von Konzernen besser verteilt werden müssten. Er wolle nicht mit der Wiederauflage der DDR überzeugen, sagt er und kontert gegen einen misstrauischen Einwurf aus dem Publikum, dass es damals ja auch „Partei des demokratischen Sozialismus“ hieß: „Ich kann mich auch Vegetarier nennen, aber wenn ich danach ein Schnitzel esse, bin ich halt keiner.“ Er verstehe nicht, warum in Deutschland keiner nach den Gewinnen fragen darf. Es gebe eine „irrsinnig und nicht zu rechtfertigende Ungleichverteilung“. Das sei einfach nur klassisch kapitalistisch.

Katharina Rögner ist freie Journalisten