Einwanderung als Ausweg aus der demografischen Falle (Teil 1)

Die erste Zukunftsdiskussion der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung wählte am 25. Januar 2013 in Hellerau noch ein fragendes Motto: "Sachsen 2030 - Quo vadis? Wir machen uns Sorgen." Zehn Monate später enthält der Titel der Fortsetzungstagung im Hygienemuseum schon eine provokant-ironische Feststellung: "Schneller, Höher, Älter." Eine Anspielung auf das olympische Motto "Citius, altius, fortius". Tagungsbericht vom Michael Bartsch    weiter zu Teil 2

Zentral, offen und professionell. Das Hygienemuseum als Veranstaltungsort
Frank Richter eröffnet die Tagung
Der Mensch geht - der Wolf kommt. Die Zukunft der Lausitz?
Reichlich Interesse, auch am Feiertag

Zum zweiten Mal blickt die Landeszentrale für politische Bildung auf das Jahr 2030 voraus

Die erste Zukunftsdiskussion der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung wählte am 25. Januar 2013 in Hellerau noch ein fragendes Motto: "Sachsen 2030 - Quo vadis? Wir machen uns Sorgen." Zehn Monate später enthält der Titel der Fortsetzungstagung im Hygienemuseum schon eine provokant-ironische Feststellung: "Schneller, Höher, Älter." Eine Anspielung auf das olympische Motto "Citius, altius, fortius", das reiferen Semestern auch noch in abgewandelter Form von den DDR-Spartakiaden in Erinnerung ist. Als Tagungsmotto barg es an diesem 20. November einen Widerspruch in sich. Auf der einen Seite das Postulat immerwährenden Wachstums, das zugleich Voraussetzung für einen erfolgreichen Kapitalismus ist. Auf der anderen der wie ein Menetekel wirkende demografische Wandel, der zwar Realität und wahrscheinliche Prognose ist, aber auch zur Rechtfertigung des Abbaus von sozialer, kultureller oder verwaltender Infrastruktur benutzt wird.  

Die Beschreibung der Bevölkerungsentwicklung und ihrer wahrscheinlichen Folgen nahm dieses Mal einen noch größeren Umfang ein als im Januar. Visionen und Auswege kamen vergleichsweise knapper weg. An der demütigen inneren Einkehr, zu der der Buß- und Bettag als Veranstaltungstag auffordert, kann es nicht gelegen haben. Die fand Landeszentralen-Direktor Frank Richter in seiner Begrüßung sogar der Thematik sehr angemessen. Aber es referierten an diesem Mittwoch hörbar in politischer Verantwortung stehende Pragmatiker und ebenfalls zu nüchterner Analyse verpflichtete Wissenschaftler. Sie vertraten zugleich die Partner, mit denen die Landeszentrale zusammenarbeitet. Politikwissenschaftler Prof. Werner Patzelt bildete insofern eine Ausnahme, als er sein Plädoyer für eine auf patriotischem Selbstbewusstsein basierende Willkommenskultur als eine fiktive Rückschau aus noch fernerer Zukunft anlegte.  

Damit ist zugleich die Einwanderungspolitik als der zweite Schwerpunkt dieser Tagung benannt, eine mögliche Agenda, die sich aus der älter und schmaler werdenden Einwohnerschaft vor allem jenseits der Oberzentren ergibt.  

Bestandsaufnahme und Prognosen

Bautzens Oberbürgermeister Christian Schramm (CDU) erklärte gleich eingangs seine Abneigung, in die Rolle eines Propheten gedrängt zu werden. Denen drohe in jedem Fall die Steinigung, sagte er, und als ehemaliger Religionslehrer kennt Schramm das Alte Testament. Der Oberbürgermeister bezog sich zwar zunächst auf seine Lausitzer Region, sprach aber auch als Präsident des Sächsischen Städte- und Gemeindetages und als Präsident des Kultursenats. Die Bevölkerungsprognosen für das Bautzener Umland klingen deprimierend. Im hier debattierten Jahr 2030 könnte die Einwohnerzahl auf 79 Prozent des heutigen Standes gesunken sein, in Bautzen auf 67 und in Hoyerswerda gar auf 40 Prozent. Und schon 2025 werde fast jeder dritte Sachse älter als 65 Jahre sein.  

Der provokante Vergleich zweier Kurven, die der sinkenden Zahl der Einwohner und die steigende der Wölfe in der Region, schien das vorgegebene Thema "Der Mensch geht - der Wolf kommt?" zu rechtfertigen. Dennoch blieben die von ihm genannten Städte zentrale Orte und übernähmen wahrscheinlich noch mehr Aufgaben für ihr Umland, sagt Schramm voraus. Denn er rechnet mit einem Rückgang der Zahl der Gemeinden in Sachsen von jetzt etwa 400 auf dann nur noch 250.  

Kein Kraut gegen Zentralisierung

Gegen diese Zentralisierung, gegen die Abwanderung vor allem in die Ballungsräume der Großstädte, sieht Schramm kein Kraut gewachsen. Auch früher schon hätten junge Leute das Dorf verlassen, wenn sie sich bilden und etwas werden wollten. Diese heute eher noch gewachsenen Lebensansprüche ließen sich nicht zurückschrauben. Ein Trend, der übrigens nur zwei Tage später auf einer thematisch verwandten Tagung zur kulturellen Verödung der ländlichen Räume im Görlitzer Institut für kulturelle Infrastruktur ebenfalls als unumkehrbar bestätigt wurde. Erst unerträgliche Zustände in riesigen Agglomerationsräumen wie etwa im südkoreanischen Seoul ließen wieder eine Stadtflucht aufkommen. "Ein Elysium für Erholungssuchende und Künstler", nennt Christian Schramm die vielleicht einmal wieder einsetzende Sehnsucht nach Land und Natur. Die Dresdner Künstlergruppe "Die Brücke" fühlte schon vor mehr als 100 Jahren ähnlich.  

Eine Portion Hoffnung schwingt dabei freilich mit. "Der ländliche Raum verliert in jeder Hinsicht", muss der Städtetagspräsident nämlich konstatieren. Das gilt objektiv wie mental. Die Infrastruktur wird relativ teurer, steigende Mobilitätskosten für Schüler etwa müssten ausgeglichen werden, die Verwaltung muss vermehrt elektronisch kommunizieren, wird unpersönlicher. Und viele Bewohner hätten zunehmend das Gefühl, "nicht mehr mitzukommen".