Und Ihre Meinung?

Wie finden Sie unser Jahresthema? Welche Aspekte sollten beleuchtet werden? Schreiben Sie uns: E-Mail

Diskurs zum Jahresthema

"Ich stehe hier und kann auch anders. Macht. Religion. Politik." Nach kontroversem Diskurs wurde das Jahrestehma der SLpB gewählt. Dieser Prozess hat gezeigt, in dem Thema steckt eine Menge Potential, es wirft viele Fragen auf - es ist ein dankbares Thema für die politische Bildung, denn es bietet vielfältige Ansatzpunkte für interessante Veranstaltungen und lebhafte Diskussionen frei nach unserem Jahresthema 2012: "Lasst uns streiten!"

Dr. Horst Groschopp (Bild: privat)

Religionsferne macht Politikabstinenz?

Ein Gastkommentar von Dr. Horst Groschopp zum Jahresthema der Sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung

 

Dr. Horst Groschopp ist Direktor der Humanistischen Akademie Berlin-Brandenburg und Deutschland, Herausgeber von "humanismus aktuell online" und der Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Berlin und der Humanistischen Akademie Deutschland, soeben erschienen: Der ganze Mensch. Die DDR und der Humanismus, www.horst-groschopp.de

Macht Religion Politik – ja. Doch welche Religion und mit staatlicher Unterstützung? Und die Religionsabstinenzler? Was ist mit denen? Ein Land kann nicht attraktiv sein, das sich religiös einseitig präsentiert.

Schaut man in die Erklärungen, was Religion in diesem Programm ist, so begegnet man einer doppelten Engführung auf Kirche. Religion ist aber nicht mehr in der Einzahl erhältlich. Religiosität wiederum ist etwas anderes als Religion. Religionen zeichnen sich aus durch Mystik und Mythen, Rationales und Emotionales, Moralisches und Utopisches, Kulte und Rituale, Gemeinschaften und Vereine, Institutionen und Theologien.

Ähnlich verhält es sich mit „Kirche“. Der Begriff kommt im Grundgesetz nur negativ vor und zwar in Artikel 140, der die Bestimmungen der Weimarer Reichsverfassung von 1919 inkorporiert, so den Artikel 137,1, dass keine Staatskirche besteht. Wovon ist Rede, wenn es um Kirchen geht? Auch hier gilt die Mehrzahl. Stets wäre zu sagen, worum es sich jeweils handelt: Religionsgesellschaft, Heilsgemeinschaft, Körperschaft, Steuerverband, Freizeitverein, Feierveranstalter, Wirtschaftsunternehmen, Bildungseinrichtung, Bauwerk, Kindergarten, Senioren- und Altenheim, Kunstschatzsammlung... Alle diese und weitere Variationen stehen in bestimmten Verhältnissen zum Staat (bekommen hier Geld) und zur Gesellschaft (sind hier wirksam, uneigennützig, aber auch eigennützig). Das sind jeweils Bereiche von Macht und Politik.

Ich verstehe, dass sich die politische Bildung in Sachsen Minderheiten im Land widmet. Religiöse Menschen (nach eigener Rechnung der SLPB etwa ein Viertel der Bevölkerung) bilden durchaus eine solche (wichtige) Minorität. Gegen diesen Schwerpunkt wäre nichts einzuwenden, wenn die Landeszentrale auch Weltanschauungs- und Politikfragen der konfessionsfreien Mehrheit – drei Viertel der Bevölkerung – thematisieren würde, was zumindest im Programm des ersten Vierteljahres nicht erkennbar ist.

Wer sind diese Konfessionsfreien? Diese Gruppe der Bevölkerung wächst, auch in Sachsen, wie neueste Zahlen zeigen. Diese Bevölkerung ist aber die am Wenigsten bekannte. Über ihre „Glaubensverhältnisse“ wissen wir fast nichts.

Etwas verschämt fragt der Einführungstext zur Jahresthematik: „Was glauben Atheisten?“ Das klingt nach weltanschaulich-religiöser Pluralität, der die Landeszentrale verpflichtet ist. Ich sehe darin aber nur ein verbales Zugeständnis, eine Nebensächlichkeit. Das zeigt sich schon am problematischen Begriff „Glauben“, denn wer weiß schon, was jemand glaubt, der oder die nicht glaubt?

Nicht alle Konfessionsfreien sind überdies Atheisten. Ein Atheist kann auch ein Antidemokrat sein, ein Nationalsozialist. Als Christ kann man das ja auch sein, wovon besonders die Deutschen Christen in Sachsen während des NS Zeugnis ablegten.

Also: Wer sind die Konfessionsfreien in Sachsen heute, diese Mehrheit? Wie leben sie? Was glauben sie? Welche Rituale zeichnen sie aus? Was sind ihre Interessen? Da sich die „Glaubenslosen“ in der Regel nicht organisieren, schon gar nicht als Kirche, sollten die Landeszentrale vielleicht gerade deshalb dieser Spezies genauer nachgehen, denn die Kirchlichen haben eine politische Lobby und auch staatliche Geldtöpfe.

Darauf läuft mein Text hinaus: Auch die Parteien sollten sich vielleicht dieser Thematik mehr widmen – aus politischem Eigeninteresse, denn die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler, nach Rechnung der Landeszentrale drei Viertel, sind konfessionsfrei, was immer das heißt: – religionsfrei, frei-religiös, säkular, humanistisch, freidenkerisch, dissidentisch, glaubenslos, weltlich ... auch atheistisch.

Ich vermute, die hier anklingende Vielfalt stimmt gar nicht für Sachsen. Doch was ist die Realität? Was heißt sie für Politik in Sachsen? Was heißt sie für anstehende Themen von der Abgeltungssteuer über die Bildungspolitik, von der Sterbehilfe bis zum Zensus, für Schulen in kirchlicher Trägerschaft?

Wie viele Atheisten, Buddhisten, Muslime, Juden, Hindus, Humanisten ... leben in Sachsen? Haben die auch Schulen, Kindergärten, eigenen Bekenntnisunterricht an staatlichen Schulen? Wie viel Religion kommt im Fach Ethik vor und wie viel Atheismus – um bei der Wortwahl auf der Homepage zu bleiben?

Danach zu fragen, das wäre demokratisch. Oder bedeutet Religionsferne Machtlosigkeit in Werturteilsfragen und Kultursachen und fördert die Politikabstinenz? An Antworten sollten auch die Kirchen interessiert sein.